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Als die Wolken für zehn Minuten den ganzen Horizont freigaben

Wir stiegen in Wolken und Wind auf die Lysá hora und rechneten mit null Aussicht. Dann öffnete sich der Himmel für zehn Minuten und die Beskiden bekamen Formen und Namen.

Am Bahnhof von Ostravice lagen noch feine Tropfen auf der Windschutzscheibe.

Die Vorhersage behauptete, die Wolkenuntergrenze könne gegen Mittag steigen. Es war eines dieser präzise klingenden Versprechen, an die sich Bergwetter nicht halten muss. Über dem Ort hing eine gleichmäßig graue Decke, von der Lysá hora war nichts zu sehen.

Wir gingen trotzdem los.

Die erste Stunde war wenig spektakulär. Nasse Steine, dunkle Fichtenstämme und Wasser, das von jedem Ast tropfte. Wo sich der Wald kurz öffnete, blickten wir hinauf und sahen dieselbe helle Wand. Ein entgegenkommendes Paar berichtete von starkem Wind und vielleicht zwanzig Metern Sicht auf dem Gipfel.

"Dann wissen wir wenigstens, was uns erwartet", sagte einer von uns.

Wir drehten nicht um. Der Weg war auch so schön, trockene Sachen lagen im Rucksack. Trotzdem prüfte alle paar Minuten jemand den helleren Fleck über den Bäumen, als ließe sich die Wolke durch Anstarren verschieben.

Unterhalb des Gipfels trieb der Wind den Nebel in sichtbaren Wellen über den Weg. Der 78 Meter hohe Sendeturm, das unverwechselbare Wahrzeichen der Lysá hora, erschien nur stückweise: erst der Sockel, dann ein dunkler Abschnitt weiter oben, schließlich wieder gar nichts.

Wir erreichten den 1.324 Meter hohen Gipfel mit nassen Ärmeln und ohne jedes Panorama.

Einige Wanderer suchten an der Bezruč-Hütte Schutz vor dem Wind. Manche machten ein Foto am Gipfelstein und gingen sofort wieder. Wir tranken drinnen Tee, legten einen feuchten Handschuh auf die Heizung und hätten ihn beinahe dort vergessen.

Hinter dem Fenster blieb die Welt weiß.

Nach einer halben Stunde packten wir zusammen. Draußen zog der Nebel nun schneller. Für eine Sekunde zeigte sich unter uns ein dunkler Streifen und verschwand. Dann kam er zurück, diesmal breiter.

Niemand rief etwas. Die Menschen lösten sich einfach von den Wänden der Hütte.

Nach Südwesten riss die Wolke auf.

Zuerst tauchte ein bewaldeter Rücken auf, auf dem einzelne Lichtungen zu erkennen waren. Dahinter stand ein weiterer, dunkler und höher. Innerhalb einer Minute weitete sich die Lücke über den ganzen Gipfel, und aus der leeren weißen Fläche wurde eine vollständige Landschaft.

Wir öffneten Hill Explorer und richteten das Telefon auf das breite Massiv gegenüber. Zuerst erschien der Smrk. Weiter am Horizont fanden wir Kněhyně und Radhošť; nach einer Drehung in die andere Richtung bekam auch der Travný endlich einen Namen.

Die Aussicht veränderte sich zu schnell für eine gründliche Bestandsaufnahme. Wolken flossen durch die Täler, verdeckten einen Rücken und legten einen anderen frei. Die Beschriftungen halfen uns, die Orientierung zu behalten, während sich die Landschaft vor unseren Augen neu ordnete.

Jemand neben uns fragte, welcher Gipfel der Smrk sei. Wir zeigten den Bildschirm, senkten das Telefon und zeichneten die Form mit dem Finger nach. Kurz darauf verglichen drei weitere Leute den echten Horizont mit ihren Telefonen.

Im Norden fiel Sonnenlicht in einzelnen Flecken ins Tiefland. Ostravice lag irgendwo direkt unter uns verborgen. Die Häuser vom Morgen waren nicht auszumachen, doch das Tal ergab plötzlich Sinn: seine Biegung, die einmündenden Seitenrücken und die Höhe, die wir überwunden hatten.

Ein paar Minuten lang beschwerte sich niemand über den Wind.

Dann zog die erste Wolke über den Smrk. Als Nächstes verblasste der Radhošť. Der Travný hielt etwas länger durch, bevor auch sein Gipfel im Grau verschwand.

Später prüften wir die Uhrzeiten der Fotos. Das erste klare Bild entstand um 12:17 Uhr. Auf der Aufnahme von 12:27 Uhr verschwand bereits wieder der Sendeturm.

Zehn Minuten.

Beim Abstieg reichte die Sicht wieder nur bis zum Weg, einigen Bäumen und der nächsten Markierung. Aufsteigende Wanderer fragten, ob man oben etwas sehen könne.

Wir zögerten mit der Antwort.

"Im Moment nicht", sagten wir. "Aber wartet eine Weile."

Natürlich schuldete ihnen das Wetter nicht dieselbe Lücke. Genau darum ging es. Auf der Lysá hora, einem der kältesten, nassesten und windigsten Orte Tschechiens, gehört Aussicht nicht zum Eintrittspreis.

Vielleicht blieben uns diese zehn Minuten deshalb so deutlich im Gedächtnis. Wir waren nicht wegen eines garantierten Panoramas gekommen und hatten nichts bezwungen. Wir waren einfach dort, als die Wolken zur Seite rückten.

Für einen kurzen Moment bekam der leere Horizont Bergrücken, Täler und Namen. Dann schloss er sich wieder.

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