Die eine Sache, deren Vergessen ich bei meiner ersten Via Ferrata bereute
Eine persönliche Geschichte über eine erste Via-Ferrata-Erfahrung in Niederösterreich und das eine vergessene Detail, das die Tour viel schwieriger machte als erwartet.
Der Morgen begann perfekt.
Kühle Bergluft. Leere Straßen durch Niederösterreich. Das erste Sonnenlicht berührte langsam die Felsen der Hohen Wand über dem Wald.
Es war einer dieser Morgen, an denen man das Gefühl hat, dass alles genau nach Plan verlaufen wird.
Kurz nach Sonnenaufgang kamen wir am Parkplatz an. Nur ein paar Kletterer waren schon da, zogen ihre Gurte fest und tranken Kaffee neben ihren Autos. Hoch über uns, kaum vor der Kalkwand zu erkennen, bewegten sich bereits winzige Figuren entlang des Stahlseils.
Das war unsere Route.
Gebirgsvereinssteig.
Meine erste echte Via Ferrata.
Ich erinnere mich, dass ich eher aufgeregt als nervös war. Wir hatten uns wochenlang vorbereitet:
- das Wetter geprüft,
- geeignete Ausrüstung gemietet,
- Offline-Karten heruntergeladen,
- genug Wasser eingepackt,
- und jeden Guide gelesen, den wir finden konnten.
Zumindest dachten wir, dass wir an alles gedacht hatten.
Bevor wir losgingen, öffnete ich meinen Rucksack ein letztes Mal: Helm, Gurt, Klettersteigset, Jacke, Snacks.
Alles sah gut aus.
Eine Stunde später, mitten im ersten Seilabschnitt, merkte ich, dass ich eine kleine Sache vergessen hatte.
Handschuhe.
Zuerst schien es nicht wichtig zu sein.
Das Stahlseil fühlte sich im kühlen Morgenschatten kalt an, und das Umhängen der Karabiner war einfach genug. Doch je steiler die Route wurde, desto fester griff ich ins Seil, ohne es wirklich zu merken.
Nach der ersten ausgesetzten Querung brannten meine Handflächen bereits.
Dann kamen die Leitern.
Das Metall hatte sich in der direkten Sonne aufgeheizt, und jede Bewegung am Seil schürfte meine Hände ein Stück weiter auf. Kleine herausstehende Stahlfasern aus älteren Seilabschnitten fühlten sich wie Nadeln auf der Haut an.
Da verstand ich, warum erfahrene Kletterer immer von Handschuhen sprechen.
Nicht, weil sie die Route leichter machen.
Sondern weil sie still ein Problem beseitigen, bevor es gefährlich wird.
Am meisten überraschte mich nicht der Schmerz selbst. Es war die Menge an mentaler Energie, die er verbrauchte.
Statt die unglaublichen Ausblicke über die Hohe Wand und die umliegenden Täler Niederösterreichs zu genießen, dachte ich ständig an meine Hände:
- wo ich greifen sollte,
- wie sehr es wehtat,
- wie lang der nächste Abschnitt sein würde,
- und ob die schwierigeren Stellen noch vor uns lagen.
Kleine Fehler in den Bergen werden überraschend schnell zu sehr großen.
Besonders dann, wenn Ausgesetztheit ins Spiel kommt.
Etwa zwei Stunden später erreichten wir einen der ausgesetzten oberen Abschnitte mit steilen Abbrüchen unter uns und endlosen grünen Hügeln bis zum Horizont.
Normalerweise hätte das der Höhepunkt des Tages sein sollen.
Stattdessen erinnere ich mich vor allem an meine Hände.
In diesem Moment wurde mir noch etwas über Via Ferrata klar, das Anfängern kaum jemand wirklich erklärt.
Via Ferrata ist technisch nur selten besonders schwierig.
Die eigentliche Herausforderung besteht darin, lange genug mental entspannt zu bleiben, um sie genießen zu können.
Jedes kleine Unbehagen zieht langsam deinen Fokus ab:
- Hitze,
- Höhenangst,
- müde Beine,
- Dehydrierung,
- schlecht sitzende Ausrüstung,
- oder etwas so Einfaches wie vergessene Handschuhe.
Und sobald der Fokus nachlässt, fühlt sich der Berg plötzlich viel größer an.
Gegen Mittag erreichten wir schließlich das obere Plateau.
Ein paar Kletterer saßen auf den Felsen und aßen Sandwiches, während ein warmer Wind durch die Bäume über den Wänden zog. Jemand zeigte in der Ferne auf den Schneeberg, während ein anderer Kletterer versuchte, nahe Gipfel aus dem Gedächtnis zu bestimmen.
Ich holte mein Handy heraus und öffnete Hill Explorer.
Zum ersten Mal an diesem Tag hörten wir auf, über den Aufstieg selbst nachzudenken, und schauten uns einfach um.
Plötzlich hatte Gipfel um Gipfel einen Namen.
Das veränderte das Gefühl auf dem Gipfel komplett.
Die Berge um uns herum waren nicht länger anonyme Formen am Horizont, sondern wurden zu Orten mit Geschichten, Routen und Geschichte.
Merkwürdigerweise wurde genau das meine liebste Erinnerung an den ganzen Tag.
Nicht die Leitern.
Nicht die Ausgesetztheit.
Nicht einmal der Gipfel.
Nur dieses stille Dastehen und das endlich wirkliche Verstehen dessen, worauf wir eigentlich blickten.
Beim Abstieg zurück ins Tal schmerzten meine Hände jedes Mal, wenn ich das Seil berührte.
Und trotzdem sprachen wir noch vor dem Parkplatz schon darüber, welche Ferrata wir als Nächstes probieren wollten.
Das ist das Seltsame an den Bergen.
Selbst wenn etwas schiefgeht, kommt man meistens zurück und will mehr.
Aber seit diesem Aufstieg gibt es eine Sache, die ich immer prüfe, bevor ich das Auto verlasse.
Handschuhe.
Jedes einzelne Mal.
